Kunstpädagogische Ideen und ihre Auswirkungen an der PH Heidelberg: Unterschied zwischen den Versionen

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Inhaltsverzeichnis

Die Auswirkungen der 68er Bewegung auf den Fachbereich Kunsterziehung

Die 1960er bis 1970er Jahre gelten weithin als das „pädagogische Jahrzehnt“ in der Bundesrepublik. Diese Zeit hat maßgeblich zur Ausweitung der Pädagogik und der erziehungswissenschaftlichen Arbeitsfelder beigetragen. Davon blieb natürlich die Kunsterziehung nicht unbeeinflusst[1]. Die 68er Bewegung markierte auch in der Kunsterziehung einen Zeitpunkt, an dem sich viel veränderte. Die bisherigen kunstpädagogischen Konzepte, im Zeitraum nach dem Zweiten Weltkrieg, waren die Musische Erziehung und der Formale Kunstunterricht. In der Musischen Erziehung ging es vor allem um die Geschmacks- und Gefühlserziehung der Schüler. Oberstes Leitziel stellte die Wesensentfaltung des Kindes dar. Im Kunstunterricht sollten die Schüler das in ihnen liegende Schöpferische zur Entfaltung bringen[2]. Beim Formalen Kunstunterricht ging es vor allem darum, die Fachinhalte der Kunst präzise durch rationale Methoden zu vermitteln. Man war davon überzeugt Kunst könne dadurch objektivierbar gemacht und in systematisierten, messbaren Lernschritten unterrichtet werden. Noten wurden leistungsorientiert vergeben, dabei spielte der individuelle Ausdruck der Schülerarbeiten keine Rolle[3]. Junge Kunstpädagogen kritisierten die rückständig und einseitig auf das Formale ausgelegte, Konzepte. Sie regten einen neuen Kunstpädagogischen Diskurs zischen Ästhetik, Pädagogik und Politik an[4].

Die kunstpädagogischen Ideen der 68er

Zum Einen entstand daraus die Theorie der Visuellen Kommunikation. Durch die Visuelle Kommunikation sollte ein inhaltlich neu orientiertes Fach entstehen, bei dem der Schwerpunkt auf den visuell wahrnehmbaren Massenmedien und ausgelegter Kunstunterricht. Schüler sollen erkennen, dass sie in der Gesellschaft Manipulationen durch ästhetische Einwirkungen, ausgesetzt sind. Das wird als ästhetische Faszinierbarkeit bezeichnet. Solche Manipulationen finden durch Massenmedien statt. Ein Beispiel zeigt das: Schönheit wird in der Werbung verstärkt dargestellt. In einem Inflationären Gebrauch von Schönheit und Kunst werden diese überhöht. Sie werden so selbst zur Ware gemacht und verlieren ihren eigentlichen Wert[5].

Die Ästhetische Erziehung an der PH Heidelberg

Es stellt sich nun die Frage, wie sich die kunstpädagogischen Ideen der 68er Bewegung auf die Studieninhalte der PH Heidelberg auswirkte. Vergleicht man hierzu die Vorlesungsverzeichnisse vor und während der 68er Bewegung wird deutlich, dass das Konzept der Ästhetischen Erziehung darin noch nicht vertreten ist. Ebenso wenig lassen sich darin Ansätze der Visuellen Kommunikation finden[6]. Um die Jahre 1968/1969 sind noch keine kunstdidaktischen Seminare zur Ästhetischen Erziehung in den Vorlesungsverzeichnissen zu finden[7]. Allerdings zeigen sich deutliche Veränderungen in den Studieninhalten ab Mitte der 1970er Jahre. Im Sommersemester 1976 lassen sich ausdifferenzierte Seminarangebote zu den Bereichen Kunstwissenschaft, Kunstdidaktik und Kunstpraxis finden. So wurde beispielsweise ein Seminar zum Thema „Problemgeschichte der Kunst seit 1945“ angeboten oder auch ein Lektürekurs zu „Theorien der Kunst und der ästhetischen Erziehung“[8]. Die Seminarthemen zeigen, dass die Ästhetische Erziehung nun eindeutig in den Studieninhalten vertreten war. Ebenfalls zeigt sich, dass die Kunst nicht mehr abgetrennt von gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet wurde. In den didaktischen Seminaren zeigte sich der Ansatz der Ästhetischen Erziehung in dem Sinn, dass die „Betrachtung“, also der Austausch und die Reflektion zu den Kunstwerken sowie deren Vermittlung im Unterricht eine wichtige Rolle spielte. In einem Zeitzeugeninterview bemerkte ein ehemaliger Dozent der Kunsterziehung an der PH Heidelberg dazu, dass sich die künstlerischen Reflektionen ab Mitte der 1970er Jahre deutlich veränderten. Sie waren viel gesellschaftspolitischer aufgeladen und wurden unter soziokulturellen Gesichtspunkten geführt. Oft kam dabei die Frage auf, welche Rolle die Kunst in der Gesellschaft spielt, oder auch wie und ob Kunst zu bewerten sei. Des Weiteren fand eine erhebliche Ausweitung der kunstpraktischen Seminare statt. Noch im Sommersemester 1968 gab es lediglich Seminarangebote zur Zeichnung, Malerei und dekorativen Gestaltungsmöglichkeiten. Im Sommersemester 1976 hingegen wurden Seminare Techniken des Batikens, Enkaustik, Sieb- und Tiefdruck, Keramik, und sogar im Bereich Performance und Fotografie angeboten. Darüber hinaus wurden auch praktische Seminare nicht nur zu den eben genannten Techniken, sondern zu experimentellem Materialien angeboten[9].

In demselben Zeitzeugeninterview erinnerte sich der ehemalige Dozent daran, dass die Ausweitungen des Seminarangebots von Studierenden sowie Lehrenden als sehr positiv und längst überfällig wahrgenommen wurde. Vor allem die Ausweitung fachpraktischen Seminare empfand er persönlich als Bereicherung, da nun auch zeitgenössische Kunstströmungen an der PH Eingang fanden. Genau das forderten auch die Vertreter der Ästhetischen Erziehung immer wieder: die Kunstpädagogik darf nicht den Kontakt zur Gegenwart und zu den künstlerischen Positionen der Gegenwart verlieren[10].

Literaturverweise

  1. Vgl.: Helen Skladny: Ästhetische Bildung und Erziehung in der Schule. Eine ideengeschichtliche Untersuchung von Pestalozzi bis zur Kunsterzieherbewegung. Bd. 22: Kontext Kunstpädagogik. Hrsg.: Johannes Kirschenmann u.a. München, 2012. S. 23-24.
  2. Vgl.: Georg Peez: Einführung in die Kunstpädagogik. 3. Aufl. Bd. 16: Grundriss der Pädagogik/ Erziehungswissenschaft. Hrsg.: Werner Helsper u.a. Stuttgart, 2008. S. 45-47.
  3. Vgl.: Georg Peez: Einführung in die Kunstpädagogik. 3. Aufl. Bd. 16: Grundriss der Pädagogik/ Erziehungswissenschaft. Hrsg.: Werner Helsper u.a. Stuttgart, 2008. S. 48-50.
  4. Vgl.: Meike Sophia Baader, Ulrich Herrmann (Hrsg.): 68 – Engagierte Jugend und kritische Pädagogik. Impulse und Folgen eines kulturellen Umbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik. Weinheim, München, 2011. S. 156-157.
  5. Vgl.: Diethart Kerbs: Ästhetische und politische Erziehung. Über den Zusammenhang zwischen Kunstpädagogik und Kunst, Ästhetik und Macht. In: Kunst + Unterricht Heft 1 (1968). S. 28-31.
  6. Vgl.: Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Pädagogische Hochschule Heidelberg. Sommersemester 1964. S. 19-20. / Vgl.: Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Pädagogische Hochschule Heidelberg. Sommersemester 1968. S. 27-28.
  7. Vgl.: Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Pädagogische Hochschule Heidelberg. Wintersemester 1968/69. S. 27-28.
  8. Vgl.: Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Pädagogische Hochschule Heidelberg. Sommersemester 1976. S. 89-91.
  9. Vgl.: Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Pädagogische Hochschule Heidelberg. Sommersemester 1976. S. 91.
  10. Vgl.: Diethart Kerbs: Ästhetische und politische Erziehung. Über den Zusammenhang zwischen Kunstpädagogik und Kunst, Ästhetik und Macht. In: Kunst + Unterricht Heft 1 (1968). S. 28.